Montag, 06.02.2012
Bern (sda) Sechs Wochen Ferien für alle: Dies fordert die Ferien-Initiative, über die Volk und Stände am 11. März abstimmen. Der Abstimmungskampf dreht sich um Kosten und Nutzen zusätzlicher Ferientage.
Heute liegt der gesetzliche Anspruch bei vier Wochen Ferien. Wer noch nicht 20 Jahre alt ist, hat fünf Wochen zugute. Viele Arbeitnehmende haben etwas mehr Ferien als gesetzlich vorgeschrieben ist: Der Durchschnitt liegt bei fünf Wochen.
Der Gewerkschaftsdachverband Travail.Suisse verlangt nun mit seiner Initiative, dass das rechtliche Minimum auf sechs Wochen erhöht wird. Die Befürworter führen die gestiegene Belastung am Arbeitsplatz ins Feld. Immer weniger Menschen seien in der Lage, bis zum Pensionsalter zu arbeiten. Zunehmend fehle die Zeit für Erholung, Familie oder freiwilliges Engagement.
Mehr Ferien würden aus Sicht der Gewerkschaften und der linken Parteien Linderung bringen. Den Abstimmungskampf prägen indes nicht Plakate mit Palmen, Meer und Strand, sondern nackte Zahlen: Die Rede ist von Wochenstunden, Gesundheitskosten, Arbeitskosten.
Bei den Wochenarbeitsstunden sei die Schweiz international Spitzenreiterin, geben die Initianten zu bedenken. Weiter verweisen sie auf die Folgen der gestiegenen Arbeitsbelastung. Rund zwei Drittel der Erwerbstätigen litten unter Stress, was Kosten von 10 Milliarden Franken pro Jahr verursache.
Die bürgerlichen Parteien und die Wirtschaft monieren ihrerseits, die Annahme der Initiative würde die bereits hohen Arbeitskosten weiter in die Höhe treiben. Dies schade der Wettbewerbsfähigkeit.
Dass die Umsetzung der Initiative etwas kosten würde, streiten auch die Gewerkschaften nicht ab. In ihren Augen übersteigt der Nutzen aber die Kosten, die auf 6 bis 7 Milliarden Franken beziffert werden. Konkret würde eine zusätzliche Ferienwoche den Arbeitgeber pro Arbeitnehmer bei einem Monatslohn von 4500 Franken rund fünf Franken pro Tag kosten.
Die höheren Arbeitskosten entstehen jedoch nur dann, wenn die Arbeitgeber tatsächlich mehr Personal einstellen, um die längeren Ferienabwesenheiten zu kompensieren. Ob sie dies tun würden, wird von den Gegnern in Frage gestellt.
Der Bundesrat warnt davor, dass der Druck auf die Arbeitnehmenden steigen könnte, weil sie in weniger Zeit mehr leisten müssten, um ihre Arbeit zu verrichten. Die Initiative biete keine Gewähr für Entlastung.
Die heutige Ferienregelung habe sich bewährt, lautete der Tenor auch im Parlament. Sie ermögliche es den Sozialpartnern, massgeschneiderte Lösungen zu finden. Ein Zwang zu mehr Ferien würde den Spielraum einschränken, gezielt auf die Bedürfnisse einzugehen – etwa mit Lohnerhöhungen statt mehr Ferien.
In der Bevölkerung stösst die Initiative ebenfalls auf Skepsis. Die erste SRG-Umfrage ergab eine Nein-Mehrheit von 55 Prozent – ein schwieriger Start für ein eigentlich populäres Anliegen. Oft starten Initiativen gut und verlieren an Zustimmung, je näher der Abstimmungstermin rückt.
Die Gegner dürften ihre Kampagne in den kommenden Wochen noch verstärken. Eine von Travail.Suisse in Auftrag gegebene Umfrage ergab ausserdem, dass sich vor allem die Pensionierten gegen mehr Ferien stellen, und diese beteiligen sich oft überdurchschnittlich an Urnengängen.
Hinzu kommt, dass das Ständemehr stets eine hohe Hürde ist. Schon in der Vergangenheit hatten es Volksinitiativen für mehr Ferien oder weniger Arbeitszeit schwer: Angenommen wurde nur gerade die Initiative für einen arbeitsfreien 1. August.
Sagen Volk und Stände Ja zur Initiative von Travail.Suisse, würde diese schrittweise umgesetzt. Im ersten Jahr nach Annahme hätten alle Arbeitnehmenden Anspruch auf mindestens fünf Wochen Ferien. In den darauffolgenden Jahren würde der Anspruch jährlich um einen Tag ansteigen, sodass nach sechs Jahren alle sechs Wochen Ferien hätten.
EXTRA Ferien Initiativen haben es schwerBern (sda) Volksinitiativen, die auf mehr Ferien und weniger Arbeitszeit abzielen, haben es an der Urne schwer: Nur gerade die Volksinitiative für einen arbeitsfreien 1. August wurde 1993 angenommen. Alle übrigen wurden verworfen. 3. März 2002: Die Volksinitiative «für eine kürzere Arbeitszeit» des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes SGB für die 36-Stunden-Woche wird an der Urne mit 74,6 Prozent Nein abgelehnt. In keinem Kanton gibt es Ja-Mehrheiten. 26. September 1993: Die Volksinitiative «für einen arbeitsfreien Bundesfeiertag» der Nationalen Aktion (heute SD) wird an der Urne angenommen mit 83,8 Prozent Ja, alle Stände stimmten zu. 4. Dezember 1988: Die Volksinitiative «zur Herabsetzung der Arbeitszeit» des SGB für eine 40 Stunden-Woche wird an der Urne mit 65,7 Prozent Nein abgelehnt. Nur in TI und JU gibt es Ja- Mehrheiten. 10. Mai 1985: Die Volksinitiative «für eine Verlängerung der bezahlten Ferien» von SP und Gewerkschaften wird an der Urne mit 65,2 Prozent Nein abgelehnt. Nur in TI und JU gibt es zustimmende Mehrheiten (Bundesrat und Parlament hatten zuvor im Obligationenrecht den gesetzlichen Ferienanspruch erhöht). 5. Dezember 1976: Die Volksinitiative «für die Einführung der 40-Stunden-Woche» der Linksparteien Poch und RML werden an der Urne mit 78 Prozent Nein abgelehnt. In keinem Kanton gibt es Ja-Mehrheiten. 26. Oktober 1958: Die Volksinitiative «zur Einführung der 44-Stunden-Woche» des Landesringes der Unabhängigen wird an der Urne mit 65 Prozent Nein abgelehnt. Nur in BS gibt es eine zustimmende Mehrheit. Mehr Erfolg mit ReferendenMehr Erfolg hatten Arbeitnehmer und Linke bei fakultativen Referenden. Einerseits verhalfen sie Gesetzen zur Beschränkung der Arbeitszeit zum Durchbruch (Fabrikgesetz 1877, Gesetz über Arbeitszeit in Verkehrsbetrieben 1920). Andrerseits bekämpften sie erfolgreich Versuche zur Aufweichung von Arbeitszeitbeschränkungen (Revision des Fabrikgesetzes 1924, Nacht- und Sonntagsarbeit im Arbeitsgesetz 1996.) |